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Kafka in Spanien

 

Franz Kafka in Spanien

von Georg Pichler

 

Einem weit verbreiteten Mythos zufolge war es der argentinische Autor Jorge Luis Borges, der Franz Kafka zum ersten Mal ins Spanische übersetzte. Tatsächlich wurde eine sehr freie Fassung der Verwandlung gemeinsam mit anderen Texten 1938 im argentinischen Verlag Losada unter seinem Namen publiziert. Doch waren bereits zehn Jahre zuvor mehrere – anonyme – Übertragungen von Kafkas Erzählungen in der spanischen Zeitschrift Revista de Occidente erschienen: „La metamorfosis“ („Die Verwandlung“) 1925, „Un artista del hambre“ („Ein Hungerkünstler“) 1927 und „Erstes Leid“ 1932 (unter dem Titel „Un artista del trapecio“, „Ein Trapezkünstler“). Ebenso gab es bereits zwei Rezensionen, eine über den Prozess in derselben Zeitschrift im Juni 1927, eine andere über Das Schloss drei Monate später in der Madrider La Gaceta Literaria, verfasst von dem nicht unbedeutenden Übersetzer Máximo José Kahn.[1] Die allererste Publikation in Spanien war jedoch eine Übersetzung ins Katalanische von „Ein Brudermord“ („Un fratricidi“) im Jahr 1924 in der kurzlebigen Zeitschrift La Má Trencada. Zu verdanken ist die „Entdeckung“ Kafkas also nicht nur Borges, sondern auch dem Herausgeber der Revista de Occidente, José Ortega y Gasset, der in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts der wichtigste Mittler zwischen der deutschsprachigen Literatur, Philosophie und Kultur einerseits und Spanien andererseits war. Scheinbar fanden diese ersten Übertragungen keinen großen Anklang, denn in der Folge erschien in Spanien kein anderes Werk Kafkas mehr, obwohl in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren zahlreiche Bücher aus dem Deutschen übersetzt wurden. Aufgrund des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) kam das kulturelle Leben beinahe zum Erliegen, unter dem Franco-Regime, das den Krieg gewann, gab es kein Interesse an dem weitgehend unbekannten Autor. Jüdische Schriftsteller waren in der katholisch-faschistischen Diktatur Francos, der den Bürgerkrieg dank der Hilfe des nationalsozialistischen Deutschlands gewonnen hatte, lange Zeit nicht erwünscht.

Die Initiative der Kafka-Rezeption ging in diesen Jahren von Argentinien aus (vgl. Kafka in Argentinien), wo Borges am 2. Juni 1935 einen Artikel in der Tageszeitung La Prensa über „Die Alpträume und Kafka“ („Las pesadillas y Kafka“) veröffentlichte[2] und die bedeutende Zeitschrift Sur ein Jahr später Ausschnitte aus Kafkas Texten in der Übersetzung des Schriftstellers Eduardo Mallea herausbrachte. Mallea publizierte 1937 in eben dieser Zeitschrift eine „Einführung in die Welt des Franz Kafka“ („Introducción al mundo de Franz Kafka“)[3], ein Text, der großen Einfluss auf die spätere Kafka-Rezeption in Lateinamerika und Spanien haben sollte. 1938 schließlich erschien unter dem an Ovid anklingenden und wohl von der französischen Ausgabe übernommenen Titel La metamorfosis eine Sammlung von Erzählungen in der Übersetzung von Jorge Luis Borges, darunter eben auch „Die Verwandlung“.

In Spanien brachte der Verlag der Revista de Occidente in der Reihe Novelas extrañas („Seltsame Romane“) 1945 einige Erzählungen Kafkas unter demselben Titel heraus; Übersetzer wurden in der Ausgabe keine genannt, und der immer wieder kolportierte Name Galo Sáez war derjenige der Druckerei der Revista de Occidente. Um die Jahrtausendwende wurde festgestellt, dass die drei Fassungen – die der Revista de Occidente von 1925, die angebliche Übersetzung von Borges aus dem Jahr 1938 und die des Buches von 1945 – mehr oder weniger textgleich waren, wobei aus stilistischen Gründen Borges als Übersetzer mit ziemlicher Sicherheit ausgeschlossen werden konnte. José Ortega, der Sohn Ortega y Gassets, vermutete, dass es die revolutionäre feministische Schriftstellerin Margarita Nelken gewesen war, die Kafka als erste ins Spanische übertragen hatte;[4] eindeutig feststellen wird man dies aufgrund der lückenhaften Quellenlage jedoch kaum mehr können.

 

Etappen einer Rezeption

Die Rezeption von Kafkas Werken ging in Spanien in fünf Etappen vor sich.[5] Die erste, bereits beschriebene, umfasst die Jahre der Entdeckung des Autors und die frühen Übersetzungen, von 1927 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs. In den darauf folgenden zwei Jahrzehnten blieb es in Spanien still um Kafka, während er in Lateinamerika kanonisiert wurde, wobei vor allem Zeitschriften eine bedeutende Rolle spielten.

In der dritten Etappe zwischen 1965 und 1983 kam es zu einer umfassenden Rezeption in einem Land, das eine tiefgründige politische und soziale Wandlung durchlebte. Nach der Spätphase einer sich selbst überlebt habenden Diktatur machte Spanien ab dem Tod Francos im November 1975 einen umfassenden Prozess der Neuorientierung durch und öffnete sich hin zu einer parlamentarischen Monarchie, bei der die alten Mächte jedoch weiterhin die Fäden in der Hand behielten – ein Konstellation, die wie geschaffen war für die Aufnahme von Kafkas hintergründigem, vielschichtigem Schreiben. Fand anfangs die Auseinandersetzung mit seinen Texten eher in literaturtheoretischen Schriften statt und weniger in einer umfassenden sozialen Rezeption, fiel der Höhepunkt dieser Etappe mit dem 100. Geburtstag des Autors zusammen, bei dem ihm schließlich auch von Seiten des Lesepublikums breite Aufmerksamkeit zuteil wurde.

Aus heutiger Sicht mag es verwundern, dass erst im Jahr 1966 ein zweiter Band – von dem Schriftsteller Gabriel Ferrater – übersetzt wurde, nämlich El procés, bezeichnenderweise ins Katalanische, das abseits der Zentralmacht und dieser entgegengestellt war.[6] In den folgenden Jahren entdeckte man erst einmal die bereits bekannten Erzählungen Kafkas neu: So wurde der unter dem Titel La metamorfosis bereits mehr als ein Vierteljahrhundert zuvor erstmals veröffentlichte Erzählband dreimal wiederaufgelegt, 1970 kamen die Erzählungen unter dem Titel Itxura-Aldaketa auf Baskisch heraus. 1971 setzte die umfassende Rezeption Kafkas ein, endlich übertrug man auch neue Texte ins Spanische. In diesem Jahr wurden Übersetzungen von Amerika und Das Schloss (auf Spanisch und Katalanisch) publiziert, in den folgenden Jahren Der Prozess, Beim Bau der chinesischen Mauer und Das Urteil[7] in neuen oder verbesserten Übersetzungen.

Der Höhepunkt dieses ersten Kafka-Booms war das Jahr 1983, der 100. Geburtstag des Autors. In diesem Zusammenhang widmete ihm etwa die Tageszeitung El País am 3. Juli eine Beilage, in der bedeutende spanische und lateinamerikanische Autorinnen und Autoren – unter ihnen Jorge Luis Borges, Carmen Martín Gaite, Guillermo Cabrera Infante – ebenso über ihn schrieben wie Übersetzer, Kritiker und Psychologen. Das Madrider Goethe-Institut organisierte eine Ausstellung der Künstlerin Stella Wittenberg mit einer „grafischen Hommage“ an Kafka, die Germanistikabteilung der Madrider Universidad Complutense organisierte vom 22. bis 24. Februar 1984 die „III. Woche der germanistischen Studien“ unter dem Titel „Kafka und seine Zeit“.

Nach dem Boom die Flaute. Denn die vierte Etappe war durch „relatives Schweigen“[8] gekennzeichnet. In ihr wurden zwar alle wichtigen Werke in raschem Rhythmus und von verschiedenen Verlagen wiederaufgelegt – unter anderem auch deshalb, da Kafka, vor allem seine Verwandlung, in der Zwischenzeit Schullektüre geworden war –, doch kam es kaum zu intraliterarischen Auseinandersetzungen mit dem Autor und seinem Werk. Erst 1999 wurde 

dieses Schweigen durch die Veröffentlichung der Gesammelten Werke im Verlag Galaxia Gutenberg gebrochen. Einher ging diese Wiederentdeckung mit einem allgemeinen neuen – oder auch erstmaligen – Erwachen des Interesses an der Kultur der mitteleuropäischen Länder. Eine ähnliche Dynamik ist bei dem nach Kafka in Spanien am meisten rezipierten deutschsprachigen Autor zu beobachten, bei Stefan Zweig, dessen intensive Neurezeption um die Jahrtausendwende einsetzte und bis heute anhält.[9] Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts kam und kommt es zu einer äußerst regen Verlagstätigkeit im Hinblick auf bis dahin unbekannte oder in Vergessenheit geratene Autoren der vorigen Jahrhun

dertwende und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, unter ihnen Joseph Roth, Heimito von Doderer, Soma Morgenstern, Gustav Meyrink, Max Brod und anderen. Kafka wurde im Rahmen dieses neuen Interesses vermehrt, teilweise auch neu wahrgenommen.

Der bislang letzte Höhepunkt der Kafka-Rezeption fand im Jahr 2015 statt, aus Anlass des 100. Jahrestages der Veröffentlichung der Verwandlung. Die Kulturbeilagen der Tageszeitungen veröffentlichten zahlreiche Artikel zum Thema, die Literaturzeitschrift Leer brachte im September ihre Nummer 265 unter dem Titel „Kafka en el laberinto de la modernidad“, „Kafka im Labyrinth der Moderne“[10], heraus, und im Sommer dieses Jahres machte die Königin Letizia auf sich aufmerksam, da sie in ihrem Feriendomizil auf Mallorca ein Kafka-T-Shirt des Verlags Delirio trug.[11]

Schließlich wurde die Debatte darüber angeheizt, wie der Titel Die Verwandlung am adäquatesten ins Spanische zu übertragen sei. Es erschienen zwei Übersetzungen, von denen eine den geläufigen Titel La metamorfosis beibehielt, während die andere für den neuen, vor allem seit den Gesammelten Werken des Verlags Galaxia Gutenberg gebräuchlichen Titel La transformación optierte.[12]

Die Zeitung El País ließ aus diesem Anlass die Übersetzerin Isabel Hernández und den Herausgeber der gesammelten Erzählungen Kafkas, Jordi Llovet, ihre Entscheidungen begründen. Hernández meinte, dass man den Titel eines Klassikers, der seit seiner ersten Publikation auf Spanisch eben so hieße, nicht nach Belieben abändern könne, und verwies darauf, dass Ovids Metamorphosen als Verwandlungen ins Deutsche übersetzt worden waren. Llovet hingegen erklärte, dass die erste spanische Übersetzung die „mehr als schlechte“ französische Ausgabe zum titelgebenden Vorbild genommen habe, dass Kafka jedoch wohl absichtlich den deutschen, „irdischen“ Titel gewählt hätte, um so von literarischen Assoziationen Abstand zu nehmen.[13] Hinzuzufügen bleibt, dass sich von den 24 Übersetzern der spanischen Fassung der Verwandlung 16 für La metamorfosis entschieden haben (unter ihnen auch Jordi Llovet vor der Herausgabe der Gesammelten Werke), und nur acht für La transformación. Da Kafkas Text gemeinhin unter dem Ovid paraphrasierenden Titel bekannt ist, scheint es ein aussichtsloses Unterfangen, den traduktologisch zwar treffenderen, jedoch weitgehend unbekannten Titel durchsetzen zu wollen. Die Zeit wird es weisen.

 

Literarische und künstlerische Einflüsse

„Der Einfluss von Kafkas Werk ist in Spanien gering“[14], betitelte im „Kafka-Jahr“ 1983 El País einen Bericht über einen Vortrag des Kafka-Übersetzers und Philologen Luis Izquierdo. Gemeint war damit, dass Kafka zwar von spanischen Schriftstellern viel gelesen und zitiert wurde, seine Schreibweise jedoch nicht Schule gemacht habe. Eine Feststellung, die bis heute ihre Gültigkeit hat. Man kann Spuren von Kafka bei einigen Autoren und Autorinnen ausmachen, doch hält sich dieser Einfluss verglichen mit anderen Ländern in Grenzen. Juan García Hortelano etwa verwendete immer wieder kafkaeske Elemente in seinen Romanen. Carmen Martín Gaite evoziert in ihrem Roman El balneario (1953), in ihrer Erzählung Las ataduras (1960), der ein Motto von Kafka vorangestellt ist, oder in El cuarto de atrás (1978) Szenarien und Figurenkonstellationen, die Züge einer Kafka nachempfundenen Welt tragen.[15] Mit Parabola del náufrago (1969) hat auch Miguel Delibes einen Roman geschrieben, der ein „kafkaesker Albtraum“ sei, was weiter nicht verwundern sollte, da das franquistische Spanien ein kafkaeskes Spanien gewesen wäre, wie der Kritiker José Luis Calvo Carilla meinte[16].

Dennoch sind die konkreten Spuren Kafkas in Spanien eher karg. Meist handelt es sich um Zitate oder um die Übernahme von Motiven, kaum wird tatsächlich ein Szenarium entworfen oder ein Sprachduktus kreiert, die Kafka nachempfunden worden wären; zu fern ist die spanische Literaturtradition seinen albtraumhaften Phantasien. Präsent ist Kafka aber immer wieder in Anspielungen, und spanische Autorinnen und Autoren wie María Zambrano, Ramón Gómez de la Serna, Félix de Azúa, Enrique Vila-Matas, Juan José Millás oder Manuel Vilas haben Essays, Analysen und mehr oder weniger literarische Auseinandersetzungen mit ihm verfasst.[17] Kinderliteratur ist der Text Kafka y la muñeca viajera (2006) des katalanischen Autors Jordi Sierra i Fabra, und sein Bezug zu Kafkas Werk eher gering.

Präsent hingegen ist Kafka nicht nur in den Buchhandlungen und unter den Lesern, sondern auch im Theater.[18] Im „Kafka-Jahr“ 1971 führte der Schauspieler und Regisseur José Luis Gómez das erste Mal die spanische Übersetzung von „Ein Bericht für eine Akademie“ auf, mit großem Erfolg, denn es ist bis heute der am meisten inszenierte Text des Prager Autors.

Es entstanden insgesamt 17 Inszenierungen der Erzählung, darunter im Jahr 2006 eine Neuinszenierung zum 25. Jubiläum von José Luis Gómez im Madrider Theater La Abadía (Foto).

Fünfmal wurde das Stück auf Katalanisch aufgeführt. Der Prozess wurde zweimal auf Katalanisch inszeniert, Die Verwandlung sieben Mal auf Spanisch und einmal auf Katalanisch; In der Strafkolonie einmal auf Spanisch, und schließlich gab es fünf Adaptierungen von verschiedenen Texten Kafkas auf Spanisch sowie zwei auf Katalanisch. Insgesamt sind es 48 Produktionen, die auf Werken Kafkas beruhen, unter ihnen finden sich auch einige Aufführungen von ausländischen Gruppen aus Deutschland, Polen, Portugal und Italien, die oft ein beachtlicher Publikumserfolg waren.

 

Übersetzungen und wissenschaftliche Auseinandersetzung

Die Zahl der Übersetzungen Kafkas ist ungemein groß. Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass alle Werke Kafkas sowie die meisten Standardwerke über ihn auch in Spanien publiziert worden sind. Vor allem seit dem Ablauf der Urheberrechte werden viele Texte immer wieder neu übersetzt und erscheinen in oft sehr ansehnlichen illustrierten Ausgaben wie etwa die von Antonio Saura gestalteten Diarios, von denen es auch eine deutsche Ausgabe unter dem Titel Tagebücher gibt. Das am häufigsten übersetzte und publizierte Werk ist Die Verwandlung, gefolgt vom Prozess und dem Schloss, und es gibt kaum einen angesehenen Übersetzer, eine angesehene Übersetzerin in Spanien, der oder die sich nicht auf irgendeine Weise an Kafka bewiesen haben wollte. Die bisher umfassendste, philologisch und traduktologisch wohl hervorragendste Ausgabe ist die auf vier Bände angelegte Werkausgabe, die im zur Bertelsmann-Gruppe gehörenden Verlag Galaxia Gutenberg (Barcelona) erschienen ist. Bislang sind drei Bände herausgekommen: Novelas (Romane, 1999), Diarios. Carta al padre (Tagebücher. Brief an den Vater, 2001), Narraciones y otros escritos (Erzählungen und andere Texte, 2003).

Neben dieser aufwändig gestalteten Fassung gibt es zwei andere Gesamtausgaben: die 1983 im Verlags Teorema erschienenen Obras completas (Novelas, cuentos, relatos) und die im Jahr 2003 veröffentlichten Obras completas des Verlags Edicomunicación. Beide sind vierbändige Leseausgaben für ein „breites Publikum“ und weitaus weniger sorgfältig gestaltet als die Ausgabe der Galaxia Gutenberg.

In der Schule ist Kafka Pflichtlektüre, die meisten jüngeren Spanier kennen La metamorfosis, doch nur wenige haben andere Bücher des tschechischen oder Prager Autors gelesen – denn Kafka wird als solcher rezipiert, seine Sonderstellung als Deutsch schreibender Prager Autor im Kontext der österreichisch-ungarischen Habsburgermonarchie wird trotz der engen Bande, die Spanien und Österreich einst über das Adelsgeschlecht vereinten, nur sehr selten wahrgenommen. Die jüdische Abstammung Kafkas wird zwar hin und wieder erwähnt, doch steht in der allgemeinen Rezeption seine tschechische Herkunft weitaus im Vordergrund.

Im akademischen Leben ist Kafka selbstverständlich vertreten, wenn auch nicht so stark, wie man annehmen könnte. Einerseits steht er im Unterrichtsplan aller Institute, an denen Deutsche Philologie unterrichtet wird, andererseits wird über ihn geforscht, und das nicht nur in der Germanistik. Im wichtigsten spanischen Wissenschaftsportal, Dialnet[19], gibt es unter dem Schlagwort „Franz Kafka“ insgesamt 264 Einträge, darunter 160 Zeitschriftenartikel, 79 Bücher, 22 Beiträge in Monographien und drei Doktorarbeiten.

Unter den Büchern – etwa die Hälfte von ihnen sind Übersetzungen Kafkas – stechen die Monographien Franz Kafka von Francesc Miralles Contijoch (2000), Kafka von Manuel Penella (1984, 1990),  Kafka von Francisco Luis Cardona Castro (1991), Conocer Kafka y su obra und Kafka von Luis Izquierdo (1977, 1981), Sojorn a Praga amb Franz Kafka von Mercuri Molera (2003), Estudios sobre Kafka von Ernesto Feria Jaldón (2000) oder Kafka: el maestro absoluto: presencia de Franz Kafka en la cultura contemporánea von Leopoldo La Rubia de Prado (2002) hervor, allerdings gibt es keinen spanischen Beitrag zu Kafka, der es geschafft hätte, auch jenseits der Landesgrenzen wahrgenommen zu werden.

Vielfältig sind die wissenschaftlichen Artikel über Kafka, da sie sein Leben und Werk aus unterschiedlichen, oft interdisziplinären Perspektiven beleuchten und ihn zudem mit Autoren der spanischen oder lateinamerikanischen Literatur vergleichen. Die drei Doktorarbeiten behandeln das Thema der Familie bei Kafka und dem argentinischen Autor Julio Cortázar (Roberto Chacana Arancibia, 2006), bieten einen hermeneutischen Schlüssel zum Verständnis Kafkas und des Kafkaesken an (Leopoldo La Rubia de Prado, 1999) und analysieren aus semiotischer Perspektive Kafkas Briefe an Felice Bauer (Soledad Manzano García, 1991).

Aus germanistischer Sicht ist hinzuzufügen, dass die fachspezifische Auseinandersetzung mit Kafka ein relativ niedriges Niveau hat. In den bisher erschienenen 23 Nummern der bedeutendsten spanischen Germanistenzeitschrift, der Revista de Filología Alemana[20], wird Kafka 75 Mal genannt, allerdings sind ihm nur sechs Artikel tatsächlich gewidmet, acht Rezensionen gelten seinen Übersetzungen. Der Rest sind Artikel, die am Rand auf sein Werk eingehen.

 

Kafka konkret

Eher unwissenschaftlicher Natur sind fünf Phänomene, die in Spanien auf unterschiedliche Art auf Kafka verweisen. Einerseits das Café Kafka in Barcelona, das mit seiner exklusiven Speisekarte und seinem RetroChic zwar wenig mit dem Autor, viel aber mit der kafkaesken Welt zu tun haben will, heißt es doch dort unter anderem: „Einige recycelte Elemente […] sind eine Hommage an einen der größten europäischen Schriftsteller, Franz Kafka, der uns neben guter Literatur auch eine eigene, kafkaeske Welt hinterließ.“[21]

Hier wird deutlich, dass der Ausdruck kafkiano für „kafkaesk“ durchaus gebräuchlich ist. Das Wort kann sich einerseits auf die Person oder das Werk des Autors beziehen, andererseits beschreibt es aber – ähnlich wie im Deutschen – eine „absurde, beängstigende“ Situation, wie der DRAE, das Wörterbuch der königlichen spanischen Sprachakademie, ausweist. Angewendet wird das Wort vor allem auf verquere Zustände in der Bürokratie, Politik oder Justiz.

Weitaus literarischer als das Café ist das Hotel Kafka in Madrid, eine Schreibwerkstatt, in der bekannte Autorinnen und Autoren Schüler in den vielfältigen Sparten der Literatur und des Literaturbetriebs unterrichten.[22] Sanft entschlafen ist hingegen die Initiative der online-Tageszeitung El Diario unter dem Namen Diario Kafka, was sowohl „Tageszeitung Kafka“ als auch „Tagebuch Kafka“ bedeuten kann, wo bis Mai 2013 Kolumnisten über aktuelle Geschehnisse in Spanien schrieben.[23]

Sehr rege ist jedoch die einzige Homepage, die Kafka in Spanien gewidmet ist: www.franzkafka.es. Gestaltet vom Sevillaner Regisseur und Schauspieler Paco Yuste, ist auf ihr eine Unzahl von Informationen über die Rezeption Kafkas in Spanien und im Spanischen zu finden. Neben einer umfassenden Bibliographie sind auf dieser Seite Essays, wissenschaftliche Untersuchungen, literarische Auseinandersetzungen mit Kafkas Werk verlinkt, und es wird auf Lyrik, Prosa, Filme, Theater- und Tanzinszenierungen verwiesen, die sich auf Kafkas Werke beziehen. Die Homepage stellt wohl die umfassendste Materialsammlung zur Rezeption Kafkas in Spanien und auch in Lateinamerika dar, die es zur Zeit gibt.

Yuste begann mit der Arbeit an der Homepage im Jahr 2002, als er während der Vorbereitungen für sein Stück El informe de Kafka feststellte, dass im Internet auf Spanisch keine geordnete Materialsammlung über den Autor existierte. Seither stellt er jedwede Information zu Kafka zusammen, nicht nur in der Literatur, sondern auch im Bereich des Films, des Theaters oder der bildenden Künste; denn, wie er schreibt, stoße er auf Spuren Kafkas nicht nur im Werk von lateinamerikanischen Autoren wie Borges, Julio Cortázar oder Gabriel García Márquez, sondern auch in den Filmen der Spanier Luis Buñuel oder Luis García Berlanga. Die Wurzel für das Interesse Spaniens an Kafka sieht Yuste in den Erfahrungen des Alltags unter dem Franquismus: das Kafkaeske habe „in der verbürokratisierten Welt, in den durch und durch entfremdeten Situationen, in der Gewalt gegen das Individuum und in der Allgegenwart einer Macht mit diffusen Grenzen“[24] seinen besten Ausdruck gefunden.

 

  März 2016

 

Zum Autor: Georg Pichler ist Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Universidad de Alcalá (Madrid).

 

 

 


[1] Vgl. dazu Margarita Garbisu Buesa: La primera recepción de Kafka en España.  http://cvc.cervantes.es/el_rinconete/anteriores/noviembre_09/19112009_01.htm. Die Rezensionen sind zu finden in: Elisa Martínez Salazar, Julieta Yelin (Hg.): Kafka en las dos orillas. Zaragoza: Editorial Prensa Universidad Zaragoza 2013, 51-58.

[3] Abgedruckt in Martínez Salazar, Yelin, a.a.O., 65-89.

[4] Vgl. Cristina Pestaña Castro: ¿Quién tradujo por primera vez "La metamorfosis" de Franz Kafka al castellano? https://pendientedemigracion.ucm.es/info/especulo/numero11/verwandl.html; Nina Melero: Los traductores de La Metamorfosis. In: Hieronymus complutensis 12 (2005/06). http://cvc.cervantes.es/lengua/hieronymus/pdf/12/12_087.pdf.

[5] Die Chronologie folgt weitgehend der von Elisa Martínez Salazar und Julieta Yelin erstellten Einteilung der Rezeption in fünf Etappen, vgl. Martínez Salazar, Yelin, a.a.O., 10 f.

[6] Vgl. zum Folgenden die Bestände der spanischen Nationalbibliothek in www.bne.es.

[7] Vgl. dazu auch Olga González, Patricia Taravilla: Franz Kafka. Eco de su I Centenario en España. In: Humboldtiana: Recepción de Literatura y Cultura Alemanas en España. Madrid: Editorial Complutense, 1992, 143 f.

[8] Martínez Salazar, Yelin, a.a.O., 11.

[9] Vgl. Georg Pichler: Stefan Zweig in Spanien. In: zweigheft 8, Februar 2013, 23-29. www.stefan-zweig-centre-salzburg.at/zweigheft.php.

[10] http://revistaleer.com.

[11] www.huffingtonpost.es/2015/08/08/camiseta-kafka-letizia_n_7960022.html;  das vom dem Künstler und Lyriker Eduardo Scala gestaltete T-Shirt ist hier zu finden: http://delirio.es/web/index.php/delirio/camisetas.

[12] Es handelt sich um La metamorfosis. Übers. von Isabel Hernández. Madrid: Nórdica 2015; La transformación. Übers. von Xandru Fernández. Barcelona: Navona 2015.

[15] Vgl. José Luis Calvo Carilla: La recepción de Kafka en la novela española de posguerra. In: Homenaje a José María Martínez Cachero. Investigación y crítica. Oviedo: Universidad de Ovideo 2000, 277-287.

[16] José Luis Calvo Carilla, a.a.O., 284-286.

[17] Viele der Texte sind zu finden in Martínez Salazar, Yelin, a.a.O.

[18] Siehe dazu die Datenbank des „Spanischen Zentrums für Theaterdokumentation“: http://teatro.es/estrenos-teatro.

[24] E-Mail von Paco Yuste vom 13.1.2016.

 

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