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Kafka in der Türkei

 

 

Kafka in der Türkei                                                                    

 

von Sezer Duru                                                                                                  

                                                

 

 

                       

Buchausgaben/Übersetzungen

In der Türkei wurde man auf Kafka spätestens Anfang der sechziger Jahre aufmerksam. Die ersten Übersetzungen von ihm waren „Die Verwandlung“ in einer Übersetzung von Vedat Günyol (1955) und die „Briefe an Milena“ in einer Übersetzung von Adalet Cimcoz (1961). Erst dann begann Kamuran Şipal sämtliche Werke von Kafka zu übersetzen, alle diese Bücher erschienen in Einzelausgaben im Cem Verlag. Kamuran Şipal übersetzte folgende Ausgaben:

- Amerika (1967)

- Prozess / Dava, (1974)

- Die Verwandlung / Değişim (1987)

- Briefe an Milena / Milena’ya Mektuplar (2005)

- Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande / Taşrada Düğün Hazırlıkları (1979, beinhaltet auch die Aphorismen, acht Oktavhefte, Fragmente, Die Rede über die jiddische Sprache, Fragment über 'Richard und Samuel',  Notizen)

- Das Schloss (1996)

- Beschreibung eines Kampfes (1967, beinhaltet auch die Fragmente Der Jäger Gracchus, Beim Bau der chinesischen Mauer, Anfang eines Briefes, die Erzählung 'Ein Bericht für die Akademie'), Paralipomena, Der Bau,  Die Truppenaushebung, Notizen aus dem Jahr 1920, Forschungen eines Hundes, Der Dorfschullehrer,  Blumfeld – ein  älterer Junggeselle, Rückkehr, Die Prüfung, Der Nachbar, Das Ehepaar, Der Kübelreiter, Kurze Tiergeschichte,  Der Kreisel, Der Steuermann, Nachts, Gib‘s auf,  Der Aufbruch, Der Geier, Die Brücke, Schlag an Hoftor, Der Jäger Gracchus, Poseidon,  Das Stadtwappen, Zur Frage der Gesetze,  Die Abweisung, Beim Bau der chinesischen Mauer,  Beschreibung eines Kampfes)

- Geschichten (1974, beinhaltet: Gespräch mit dem Beter, Gespräch mit dem Betrunkenen, Kinder auf der Landstraße, Ausflug ins Gebirge, Der Aufbruch, Blumfeld, ein älterer Junggeselle, Der Kaufmann, Der Nachhauseweg, Die Vorüberlaufenden, Kleider, Die Abweisung, Zum Nachdenken für Herrenreiter, Das Gassenfenster, Wunsch, Indianer zu werden, Die Bäume, Unglücklichsein,  Das Urteil, Der neue Advokat, Ein Landarzt, Auf der Galerie, Ein altes Blatt, Vor dem Gesetz, Schakale und Araber, Ein Besuch im Bergwerk, Das nächste Dorf, Eine kaiserliche Botschaft, Die Sorge des Hausvaters, Elf Söhne, Ein Brudermord, Ein Traum, Ein Bericht für die Akademie, In der Strafkolonie, Erstes Leid, Eine kleine Frau, Ein Hungerkünstler, Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse).

- Briefe an Ottla und der Familie / Ottla’ya ve Ailesine Mektuplar (1997)

- Brief an den Vater / Babama Mektup (2000)

- Neu gefundene Briefe / Yeni Bulunmuş Mektuplar (2006)

- Klaus Wagenbach: Biographie / Franz Kafka Yaşamöyküsü, (1997)

- Gustav Janouch: Gespräche mit Kafka / Kafka ile Söyleşiler (2000)

- Max Brod: Glaube und Hoffnungslosigkeit bei Kafka / Kafka’da İnanç ve Umutsuzluk (1985)

- Elias Canetti: Der andere Prozess: Kafkas Briefe an Felice / Öbür dava : Kafka’nın Felice’ye mektupları üzerine (1994)  

Kamuran Şipal hat sich jahrzehntelang mit Kafka beschäftigt. Seine Übersetzungen wurden 2012 mit dem Tarabya Übersetzerpreis gewürdigt.

Bemerkenswert ist, dass Die Verwandlung bis heute sieben Mal von verschiedenen Übersetzern übersetzt worden ist. Unter diesen ist vor allem die Übersetzung von Ahmet Cemal (Dönüşüm, 1986) sehr nennenswert. Er hat auch das erste 'Sonderheft Kafka' 1984 bei Yazko Edebiyat herausgegeben. Es folgte später das Sonderheft vom NOTOS Verlag im Jahre 2008.

Andere wichtige Übersetzungen:

- Die Verwandlung / Değişim, übersetzt von Vedat Günyol (1955 bei Yeni Ufuklar Yayınları, 1959 bei Ataç Kitabevi, 1991 bei Yaba Yayınları)

- Die Verwandlung / Değişim, übersetzt von Arif Gelen (1967)

- Die Verwandlung / Dönüşüm, übersetzt von Tevfik Evrim Güney (2004)

- Die Verwandlung / Dönüşüm, übersetzt von Osman Çakmakci (2005)

- Die Verwandlung / Dönüşüm), übersetzt von Nafer Ermiş (2008)

- Gustav Janouch: Gespräche mit Kafka / Kafka ile Söyleşiler, übersetzt von Turan Oflazoğlu (1966)

- Der Prozess / Dava, übersetzt von Arif Gelen (1968)

- Das Schloss, übersetzt von Şükrü Çorlu (Oktober 2006)

- Amerika, übersetzt von Arif Gelen  (1967)

- Amerika, übersetzt von Ayça Sabuncuoğlu (Oktober 2006)

- In der Strafkolonie, übersetzt von Tevfik Turan (November 2007)

- In der Strafkolonie / Ceza Sömürgesi, übersetzt von Yekta Majiskül (2011)

- Brief an den Vater / Babaya Mektup, übersetzt von Cemal Ener (2008)

- Beschreibung eines Kampfes / Bir Kavganın Tasviri, übersetzt von Tevfik Turan (2010)

- Oktavhefte / Mavi Oktav Defteri, übersetzt von Yekta Majiskül (2013)

Da inzwischen die Werke von Kafka freigegeben wurden, kommen z. Z. viele neue Übersetzungen in die Buchhandlungen, so u.a. von Yekta Majiskül (Kübelreiter / Kovalı süvari, 2012; Aphorismen / Aforizmalar, 2012; Beschreibung eines Kampfes / Bir Savaşın Tasviri, 2012, In der Strafkolonie / Ceza Sömürgesi, 2011; Ein Hungerkünstler / Açlık Sanatçısı, 2011; Kurze Tiergeschichte / Hayvan Öyküler, 2011) u.a.

Briefe an Felice werden z.Z.  von Turgay Kurultay und Mitarbeitern übersetzt und zur Veröffentlichung im İşBankası Verlag vorbereitet.

Bislang noch nicht übersetzt ist die komplette Ausgabe der Tagebücher.

 

Weiterhin wurden eine Reihe internationaler Studien zu Kafka übersetzt:

- Wilhelm Emrich: Die Weltkritik Franz Kafkas / Franz Kafka’nın dünyasının tenkidi, übersetzt von Hüseyin Sesli (1968)

- Roger Garaudy: Picasso, Saint-John Perse, Kafka, mit dem Vorwort von Aragon / Picasso, Saint-John Perse, Kafka, übersetzt von Mehmet H. Doğan (1982)

- Roger Garaudy: Kafka, übersetzt von Mehmet Sert (2003)

- Fischer, Ernst: Franz Kafka, übersetzt von Ahmet Cemal (1985)

- Gilles Deleuze / Felix Guattari: Kafka – Pour une littérature mineure / Kafka - Minör Bir Edebiyat İçin, übersetzt von Özgür Uçkan und Işık Ergüden (2000)

- Félix Guattari: Soixante-cinque rêves de Franz Kafka: Et autres textes / Franz Kafka’nın altmış beş düşü, aus dem Französischen von Murat Erşen (2012)

- Michael Löwy: Franz Kafka réveurin soumis / Franz Kafka Boyun Eğmeyen Hayalperest, übersetzt von Işık Ergülen (o.J.)

- James Hawes: Excavating Kafka / Hayatınızı mahvetmeden önce neden Kafka okumalısınız, übersetzt von Suğra Öncü (2010)

- Margarete Buber-Neumann: Milena, Kafkas Freundin / Milena : Kafka’nın kadını, aus dem Deutschen übersetzt von Sıdıka Orhon (2005)

- Alina Reyes: Nus devant les fantômes: Franz Kafka et Milena Jesenská / Hayaletler önünde çırılçıplak : Franz Kafka ve Milena Jesenskà, übersetzt von Aykut Derman (2004)

- Claude Thiebaut: Les métamorphoses de Franz Kafka / Franz kafka’nın dönüşümleri, Yapı Kredi Kültür (2013)

- Reiner Stach: Kafka - Die Jahre der Entscheidungen / Kafka : karar yılları, übersetzt von Sezer Duru (2013)

- Reiner Stach: Kafka - Jahre der Erkenntnis / Kafka - kavrama yılları, übersetzt von Sezer Duru (2013)

                       

Literarische & künstlerische Rezeption     

Der Einfluss Kafkas auf die türkischen Autoren und gerade auf die sogenannte 50'er Jahre Generation  ist enorm. Warum ist das der Fall? Ich bin der Meinung, dass die Intellektuellen in der Türkei sich seit jeher als Minderheiten gefühlt haben. Sogar als die Minderheit der Minderheiten. Sie wurden immer vor das Gesetz gebracht, verhaftet, gefoltert. Heute ist die Lage auch nicht anders. In diesem Punkt haben sie sich mit Kafkas Werk verwandt empfunden.

Auf der anderen Seite war in der Türkei eine preußische Bürokratie aufgenommen worden, die mit all ihrer Macht die Menschen im Lande zu unterdrücken versucht. Der Staat existiert nicht, um den Menschen behilflich zu sein, sondern der Mensch steht im Dienste des Staates. Es ist ein Land, das drei Staatstreiche erlebt hat und sich heute inautokratischer Gefahr befindet.

Hier einige Beispiele namhafter Autoren der Türkei zur Kafka-Interpretation:

 

Demir Özlü

Als ich in meinen Jugendjahren den Kafka-Texten begegnete, mit all ihren Elementen - zu diesen Elementen gehören auch die Wörter - habe ich gedacht, einer verzauberten Welt begegnet zu sein. Was mir als scheinbar verzauberte Welt erschien, hatte mit der Welt, in der wir lebten, mit meiner eigenen Gesellschaft, besonders mit meiner eigenen Existenz eine sehr tiefe Verbindung. Ich versuchte die Welt von Kafka seriös, mit innerlichen Erschütterungen zu begreifen, ich fühlte ihn sehr in meiner Nähe. Seine Welt hatte zugleich eine niederschmetternde Wirkung, die meine innere Welt vertiefte. Nachdem Jahre vergingen, scheint mir die Welt von Kafka eine ironische Welt zu sein. Nun lese ich Kafka mit viel Humor. Ich habe niemals an eine politisch oder aber religiös motivierte Interpretationen geglaubt. Diese Interpretationen trugen ihn in andere Gebiete und sie vereinfachten ihn. Kafkas Literatur war viel mehr existentiell, mehr realistisch, mehr humoristisch, mehr verzaubert. Natürlich hat ein Autor, der alle gesellschaftlichen Erschütterungen seiner Zeit in Prag durchlebt hat, politische Wahrnehmungen gehabt. Kafka spürt in seinen Werken, tief vebunden mit dem Leben, der Träume, der Grenzen der menschlichen Existenz den nahenden Totalitarismus: diese Wahrnehmung sieht man in den von Grund auf erschütternden Visionen seines Werkes.

Prag hat Ähnlichkeit mit İstanbul und es gibt keine Möglichkeit dafür, dass ein İstanbuler Autor von seinen Werken nicht beinflusst wird ... Ich habe in vielen alten Artikeln von mir geschrieben, dass der türkische Intellektuelle - ja noch mehr als dies, der türkische Mensch - dem vor dem Gesetz wartenden Josef K. oder aber auch dem Mann, der danach trachtet, ins Schloss aufgenommen zu werden eifert, Ähnlichkeiten aufweist. Wenn er auch, sagen wir diesen Helden der genannten Werke nicht ganz änhnelt, ähnelt er nicht dennoch dem 'Hungerkünstler'? ...

(Demir Özlü, zit. aus: Yazko Çeviri. Sonderheft  Kafka (Januar-Februar 1984)

Der Autor Demir Özlü ist einer der bekanntesten Autoren der zeitgenössischen türkischen Literatur.

 

Tezer Özlü

Warum gewinnt Kafka mit der Zeit immer mehr Bedeutung? Ist es nur wegen des mystischen Schreibens, des humoristischen Stils, seiner Genialität, seiner vorausgesehenen Verkündigung der zukünftigen Epochen  und insbesondere, weil er das in der Bürokratie wie in unserem Land verlorengegangene Volk in solch realistischer Weise beschrieben hat? Oder ist es wegen seiner Bescheidenheit, seiner Einsamkeit, seines Leides? Gewinnt Kafka soviel Bedeutung, weil er die Indizien unseres Widerstands, uns gegenüber organisierter, feindlicher Mächte gezeigt hat? Die Hoffnungslosigkeit des Menschen ist durch alle Epochen wie eine Lawine größer geworden. Ist es deswegen? ...

Ich habe Kafkas 'Die Verwandlung' als erstes von ihm gelesen. Ich war fünfzehn Jahre alt. Es hat mir so sehr imponiert, dass ich zu denken begann, dass jedes Ungeziefer vorerst ein Mensch war ...

In dem İstanbuler Stadtteil Galata, der mit Prag zum Teil eine Ähnlichkeit aufweist, denkt man auch an ihn, genauso wie in Prag, wo man an kein anderes Faktum denkt als an ihn ...

Tezer Özlü, zit. aus: Yazko Çeviri Sonderheft Kafka -Januar-Februar 1984

[Tezer Özlü hat in ihrem kurzen Leben drei Bücher veröffentlicht. Nach ihrem Tod hat ihre Schwester Sezer Duru aus dem Nachlass weitere vier Bücher von ihr herausgegeben. Tezer Özlü's letzter Roman, verfasst  zu ihren Lebzeiten, handelt von ihren Lieblingsautoren: Kafka, Svevo und Cesare Pavese. Ihr in deutscher Sprache geschriebenes Manuskript hat den Marburger-Förderungspreis bekommen. Ihre Bücher in der Türkei erscheinen z.Z. in der 25. Auflage.]

 

Orhan Duru           

(...) Kafka erzählt uns bekannte Zustände, mit welchen wir sehr oft konfrontiert sind,  die wir aber nicht auszusprechen vermochten, bevor er sie geschrieben hat. So entsteht eine kafkaeske Welt. Es wird uns vielleicht etwas übertrieben vorkommen, jedoch begegnen wir in unserem Alltagsleben vielen kafkaesken Unsinnigkeiten. Was Kafka schrieb, ähnelt zum Teil dem Einfluss einiger berühmter Maler. Mondriani schafft z.B. eine Farbenordnung und wir fügen einige Teile der Welt in diese Gemälde. Van Gogh zeichnet außergewöhnliches Gelb und fürchterliche Sonnen. Dann begegnen wir wahrlich diesen Farben und solchen Sonnen.

Kafka schafft eine Welt für sich. So, dass man in dieser Welt keinen Ort zur Zuflucht hat. Man ist allein. Übrigens legt man die Menschen in Akte, auch seine Daten sind bekannt. An unerwarteten Orten begegnen einem die Richter und zerdrücken einen wie einen Käfer im Namen der sublimen Macht. Diese Realität unserer Zeit findet im Werk von Kafka die kräftigsten Reflexionen. Ja ... man glaubt an Gott, hat aber kein Vertrauen zu ihm.  Ist es tatsächlich Gott, die erhabene Macht, die uns andauernd unter Angst, Unruhe und Scham gefangen nimmt? Vielleicht ist es ein mystisches Gefühl. Der Unsinn der menschlichen Existenz, die Sinnlosigkeit des Lebens. Es gibt keinen Ausweg aus der Zersetzung. Gerade wenn man Atheist ist, leidet man mehr. Fast Höllenleid ist es ... Man lebt in einer Strafkolonie. Flucht ist ausgeschlossen ...

(Orhan Duru, zit. aus: Yazko Çeviri Sonderheft KAFKA (Januar-Februar 1984)

[Orhan Duru, im Jahre 2009 verstorbener Autor von beispiellosen Kurzgeschichten.]

 

Ahmet Cemal

Wie muss man sich verhalten, um die großen Autoren der Welt, in unserem Fall Kafka zu verstehen? Vor allen Dingen muss man den Menschen kennen, aber nicht als eine gerade Linie, nicht nach seinem Aussehen, sondern alle Leiden unter diesem Aussehen, alle Leidenschaften und Lieblosigkeiten, mit Bewusstsein und Unbewusstsein muss man den Menschen kennen.

Dann muss man gelebt haben. Dieses Leben sollte nicht einen geraden Weg verfolgt haben, der immer in die gleiche Richtung läuft. Z.B. sollten alle Schluchten gewagt werden ...

Meistens ist man der Auffassung, dass Kafkas Welt eine kranke, eine surrealistische sei etc. Diese Auffassungen stammen von Menschen, die Kafka nicht verstanden haben und auch nicht verstehen werden. Tatsache ist, dass die Welt von Kafka nur von gesundem Bewusstsein verstanden werden kann, so sehr ist alles, was er geschrieben hat, gesund und realistisch.

Er hat den Prozess darum geschrieben, damit die Menschen in Zukunft nicht vor selbsternannten Richtern, nur weil sie Menschen sind, verurteilt werden.

Er hat Die Verwandlung darum geschrieben, damit die Menschen niemals wie ein Käfer zerschmettert werden.

Er hat Das Schloss darum geschrieben, damit die Menschen in Zukunft Herr ihrer selbst werden können und damit Ordnungen geschaffen werden, welche die Menschen vor  solchen unerreichbaren Schlössern retten können.

Das geschriebene Erbe von Kafka ist das unbefleckte Gesetz der Zukunft ...

Ahmet Cemal, zit. aus: Yazko Sonderheft Kafka (Januar-Februar 1984)

[Ahmet Cemal, Autor, Übersetzer, Kolumnist]

 

Weitere bekannte Autoren/Künstler mit Kafka-Bezug:

Orhan Pamuk: Schnee (türkischer Originaltitel Kar, 2002)

Kerim Alakuşoğlu, kurz Ka, heißt der Held von Schnee und diese Abkürzung erinnert an die beiden Protagonisten ‚K‘ der Romane Der Prozess und Das Schloss von Franz Kafka, die sich bei ihren Orientierungsversuchen immer mehr in labyrinthische Strukturen verirren. Vor allem der erste Satz des Schloss-Romans erinnert an Kas Reise in die abgelegene Provinzstadt: ‚Es war spätabends, als K ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. […] Nebel und Finsternis umgaben ihn […] und [er] blickte in die scheinbare Leere empor‘. Bei Pamuk heißt es ähnlich: ‚Als der Bus […] um zehn Uhr abends in die schneebedeckten Straßen von Kars einbog, erkannt Ka die Stadt überhaupt nicht wieder. […] Unter dem Schnee war alles wie ausgelöscht, wie verloren.‘ In beiden Romanen schließt sich eine Odyssee sowohl des Landvermessers K. wie auch des Dichters und Journalisten Ka durch die fremde Umwelt an, die zu erkunden ihr Auftrag ist. Dabei verlieben sie sich, das ist eine weitere von vielen Ähnlichkeiten, in Frauen mit für die Protagonisten undurchsichtigen gesellschaftlich-privaten Beziehungen. Einen Hinweis auf diesen literarischen Bezug könnte man auch im Wortspiel mit dem Namen der Kafkas Üniversitesi (deutsch: Kaukasus-Universität) der Stadt sehen. Wer Pamuks Texte kennt, weiß, dass die Lautähnlichkeit kein Zufall ist, ebenso wie der Name des Erzählers und Romanciers ‚Orhan‘, der den Spuren seines toten Dichterfreundes Ka nachgeht. ‚Ka‘, der Name der Hauptperson, ‚Kar‘, der Schnee, und ‚Kars‘, der Ort des Romans, bilden einen poetischen Dreiklang und erinnern an Kafkas ‚K‘. 

(zit. aus Schnee)

[Orhan Pamuk, einer der inzw. bekanntesten Autoren aus der Türkei, Nobelpreisträger 2006]

 

Ergin Inan: Kafka-Zyklen

Ergin Inans Radierungen, ‚Inschriften für Kafka‘, zeichnen den Band in besonderer Weise aus, denn sie veranschaulichen Möglichkeiten und Grenzen der Lesbarkeit von Hieroglyphen, zu denen für Kafka Schriftzeichen längst geworden sind. Inan vereinigt in seinen Bildkompositionen Zitate aus Kafkas Texten mit vielleicht ebenso wenig lesbaren, vielleicht aber auch sogar fast verständlichen anderen Hieroglyphen: Zeichnungen von Insektenleibern (denen, wie schon der Leser von Edgar Allan Poes ‚Gold Bug‘ weiß, manchmal ein eigentümlicher Text eingeschrieben ist), Reptilien, Würmern, Menschenaugen und -gesichtern - schließlich kommen auch arabische Schriftzeichen ins Spiel. Inan verweist aber auf Kafkas Handschriften, die man mittlerweile aus zahlreichen Faksimile-Ausgaben kennt und deren Kalligrafien und 'Kritzeleien' die Nähe von Bild und Schrift vorwegnehmen sowie die Problematik der Materialität von Schriftzeichen plausibilisieren. Auch sie erinnern an die unverfügbare, oft hässliche und ekelbetonte Körperlichkeit, die Kafkas Welt, pardon: Kafkas Kontinent, dominiert.

(Jochen Strobel, Literaturkritik.de, Nr.7, Juli 2008)

[Ergin Inan: Inschriften für Kafka. In: Klaus Scherpe / Elisabeth Wagner (Hgg.): Kontinent Kafka. Mosse Lectures an der Humboldt-Universität zu Berlin. Berlin 2006, S. 136-144. - Elisabeth Wagner: Ergin Inans Inschriften für Kafka, ebda., S. 145-153.]                                     

 

Kafka in der Schule

In türkischen Schulen wird Kafka i. d. R. nicht behandelt, in internationalen Schulen dagegen schon.

 

Kafka an der Hochschule [*]   

An den Universitäten wird Kafka weniger wissenschaftlich bearbeitet als in den Literatenkreisen und der Literaturzeitschriften.

Wissenschaftliche Arbeiten / Dissertationen:

- Sezer Duru:  Vergleich der Erstveröffentlichungen Kafka's mit Robert Walser's  kleinen Geschichten (Dissertation), Ankara Universität, Literarische Fakultät (1971)

- Şârâ Sayın: Franz Kafka,  İstanbul Türkiye Almanca Öğretmenleri Derneği (1976)

-  Selçuk Ünlü: Franz Kafka’da mahkeme kavramı [Das Gericht bei Kafka] , Erzurum Atatürk Üniversitesi (1976)

-  Prof. Dr. Selahattin Dilidüzgün: Die Antwort Peter Weiss' auf Kafka's Prozess, İstanbuler Universität, Literarische Fakultät (1987)

- Cem Küçük: Kafka’dan ruha dokunan düşünceler [Von Kafkas Geist berührte Gedanken] (2006)

- Sevtap Konmuş: Türkçe’de Franz Kafka ve Dönüsüm” Çeviribilimsel Karsılastırmalı Bir Inceleme, Yayımlanmamıs  [Kafkas Verwandlung auf Türkisch. Eine vergleichende Studie (mit einem Vergleich v. V. Günyol, A.Gelen, E.T.Güney, O.Cakmakci)],  Ankara (2007) – Link PDF

- Mehmet Öztürk: Franz Kafka ve sinema [Franz Kafka und das Kino], İstanbul Donkişot     Güncel Yayınlar (2007).

- Özber Can: Çeviribilim analizi: Franz Kafka’nın dönüşüm öyküsü örneği [Übersetzungswissenschaftliche Analyse am Beispiel von Kafkas Werk Die Verwandlung], Konya Ay Copy (2011)

- Nuri Çiçek: Franz Kafka’da yabancılaşma problemi [Das Entfremdungsproblem bei Franz Kafka, Masterarbeit], Gazi Üniversitesi, 2012

- Aslı Şimşek: Franz Kafka’nın Ceza Sömürgesi ve Hukuk Öyküleri - Adil Yargılanma Hakkı [Kafkas 'In der Strafkolonie und juristische Erzählungen] Atılım Üniversitesi Hukuk ve Sanat Topluluğu atölye çalışması [Atılım Üniversität Rechtsfakultät], Ankara (2012)

- Aslı Şimşek: Kafkaesk Bir Dünyada Adalet, Hatay Barosu 69. Kuruluş Yıldönümü Hukuk ve Sanat Paneli, Hatay (2012)

 

Tabus: keine                        

 

Kafkaesk: der Begriff existiert auch im Türkischen

 

Besonderes                           

Das Online-Portal Kafka Okur wendet sich an jüngere Leser und bietet vielfältige thematische Beiträge rund um Kafka u.a. Autoren. Bemerkenswert sind hier nicht zuletzt auch die graphischen Arbeiten und Fotomontagen, mit denen junge Künstler Kafka und Kafkaeskes interpretieren – teilweise mit sehr viel Humor. Inzwischen erscheint bereits eine eigene Zeitschrift „KAFKAOKUR“ (türk. „Kafka-Leser“)

⇒  KAFKAOKUR (PDF)

 

Sonstiges

In der Türkei gibt es ein Kafka-Caféhaus (İstanbul) und auf dem Lande einen Kafka-Market.

Zu erwähnen ist auch eine staatliche Hochschule namens Kafkas-Üniversitesi, deren Namensgebung allerdings nicht auf den Prager Autor, sondern auf den Kaukasus zurückgeht.

 

 

 2014

 

Zur Autorin: Sezer Duru, Mitglied des türkischen PEN, lebt als Übersetzerin und Verfasserin eigener Bücher in İstanbul und in Kaş, zahlreiche internationale Preise



[*] Für Anmerkungen u. weiterführende Recherchen zur Hochschul-Rezeption danken wir Clemens Brilla (Universität Hannover), d. Red.

 

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